Walter Vitt: „Mich interessierte der Künstler, der Mensch kam Zug um Zug dazu”

Der Kunstkritiker Walter Vitt hat uns vor einiger Zeit Informationen zu Günter Schwannecke zugeschickt. Wir haben daraufhin mit ihm ein schriftliches Interview zur Biografie Günter Schwanneckes geführt. Walter Vitt hat ausführlich geantwortet und das Interview mit Fotografien von Schwanneckes Gemälden unterstützt. Wir zeigen sie in diesem Blogpost! Unser Dank gilt erneut Walter Vitt für seine Mithilfe. Außerdem zeigen wir die Ölstiftzeichung „Das Martyrium des Schwannecke”, die der Maler Gerd Winner ihm für uns mitgegeben hat.

Günter-Schwannecke-Gedenkinitiative: Guten Tag, Herr Walter Vitt! Günter Schwannecke und Sie lernten sich in den 1950er Jahren in Braunschweig kennen. Wie alt wart Ihr damals? Was habt Ihr zusammen gemacht und erlebt?

Walter Vitt: Es war im letzten Drittel der 1950er Jahre. Es muss 1958 gewesen sein, als ich Schwannecke das erste Mal in Braunschweig begegnete. Ich hatte in dieser Stadt am Wilhelm-Gymnasium Abitur gemacht und studierte jetzt in Münster. Schon während meiner Gymnasialzeit hatte ich begonnen, mich für moderne Kunst zu interessieren, die erste „documenta“ in Kassel (1955) hatte mir wie vielen von uns auch jene Künstler nahegebracht, die unter den Nazis als „entartet“ galten und über die selbst unsere Eltern uns nicht viel berichten konnten: auch sie brauchten jetzt Nachhilfeunterricht im Begreifen der Moderne, die während der 12 Jahre Hitler-Diktatur unterdrückt worden war.
Ich hatte während meiner letzten drei Schuljahre die Schulzeitschrift meiner Schule redigiert, schrieb darin auch über Kunst und über meine Atelierbesuche bei Künstlern. Die „Braunschweiger Nachrichten“ wurden auf mich aufmerksam, druckten schon seit 1955 Kunst- und Theaterkritiken von mir. Ich besuchte Künstlertreffs, vor allem die italienischen und griechischen Lokale, die sich nach dem Krieg in der Stadt etabliert hatten und in denen die Kunst-Studenten gerne verkehrten. 1958 war Schwannecke 24 Jahre alt, ich wurde im Herbst 22 Jahre, war gerade in Münster zum Chefredakteur der Studentenzeitung „Semesterspiegel“ bestimmt worden, lebte aber auch noch viel in meiner Braunschweiger Heimat bei meiner Familie, zumal da in Braunschweig auch meine Freundin als Apotheken-Praktikantin tätig war.

Günter Schwannecke, Portrait Luiza Aschenbrenner, Kohlestift auf Bütten, 1960)

Abb. 1: Günter Schwannecke, Portrait Luiza Aschenbrenner (später verheiratete Luiza Vitt), Kohlestift auf Bütten, 40 x 30 cm, signiert, datiert auf den 25.4.1960). © 2013 Nachlass Schwannecke, Foto: Christian Vitt

Was wir zusammen gemacht haben? Kunst, Kunst, Kunst – wir haben über Kunst gesprochen, über seine Kunst vor allem. Ich staunte, dass er sich in seinen Bildern und Radierungen mehr und mehr dem absolut Abstrakten zuwandte, aber gleichzeitig ein hervorragender realistischer Zeichner war und Beides nebeneinander gelten ließ. Seine Briefe später an mich „würzte“ er stets mit seiner Zeichenkunst. 1958 waren die Treffen noch eher zufällig, 1959 finde ich in meinem Taschenkalender im März einen festen Termin mit ihm vorgemerkt, 1960 sind es vier Terminfestlegungen, davon eine für eine Begegnung in Münster, bei einer anderen dieses Jahres (25.4.1960) war ich dabei, als er meine spätere Frau zeichnete. (Abb. 1)
Im Jahre 1961 finden sich zwei Termin-Hinweise mit Stichwort „Schwannecke“ im Kalender. Dabei dürften vor allem Arbeitsaufträge, die ich für ihn hatte, besprochen worden sein. Ich konnte ihn mit

Günter Schwannecke, Illustration des Titelbilds des Semesterspiegel, 1962

Abb. 2: Günter Schwannecke, Statt einer Kunstgeschichte, Semesterspiegel, Münster, Mai 1962. © 2013 Nachlass Schwannecke, Foto: Christian Vitt


seiner Zeichenfeder als regelmäßigen (und bezahlten!) Mitarbeiter für den „Semesterspiegel“ gewinnen, 1959 wirkte er an drei Ausgaben mit, 1961 am Juni-Heft, 1962 gestalte er für das Mai-Heft eine wunderbare Rückseite: Unter der Überschrift „Statt einer Kunstgeschichte“ zeichnete er nebeneinander und untereinander 8 Portraits der berühmten Filmschauspielerin Brigitte Bardot in verschiedenen Stilen der Kunstgeschichte – von Rembrandt bis zur Abstraktion. (Abb. 2) Für solche Rückseiten der Studentenzeitung konnte ich auch den jungen Braunschweiger Maler Gerd Winner und den Karikaturisten Gerd Burtchen, der ebenfalls in Braunschweig wirkte, gewinnen. Günter Schwannecke war zudem bereit, die Titelgestaltungen für 1960 und 1961 des „Universitätsführers Münster“ zu übernehmen, eines umfangreichen Ratgebers für Erstsemester, den ich mehrere Jahre in Münster als Mitherausgeber redigierte (Abb. 3 und Abb. 4)

In welchem Stadtteil Braunschweigs wuchs Günter Schwannecke auf? In welchem sozialen und familiären Umfeld?

Titelblattgestaltungen Schwanneckes für die Ausgaben des Universitätsführers Münster von 1960

Abb. 3: Titelblattgestaltungen Schwanneckes für die Ausgaben des Universitätsführers Münster von 1960. © 2013 Nachlass Schwannecke, Foto: Christian Vitt

Vitt: Günter wohnte, wenn er in Braunschweig war, im Haus seiner Eltern in der Friedensallee. Ich kann mich aber nicht erinnern, ob er mich jemals mit dorthin genommen hat. Andererseits frage ich mich heute: wo hat er mir seine Bilder gezeigt? Hatte er woanders ein Atelier? Brachte er die Sachen zu mir in die elterliche Wohnung? Alles das hat mein Kopf versteckt, jedenfalls komme ich zurzeit nicht heran. Ich erinnere mich nur, dass er meine Mutter mochte. Seine Eltern lernte ich nie kennen.

Wie war das Verhältnis von Günter Schwannecke zu seinen Eltern? Wie standen sie zu seinen Interessen und seinem Lebenswandel? Unterstützten sie ihn oder standen sie dem Sohn skeptisch oder kritisch gegenüber?

Vitt: Auch das kann ich nicht beantworten. Für mich war es eine Selbstverständlichkeit, dass Künstler ein anderes Leben führen als ihre bürgerlichen Eltern. Das war unter uns kein Gesprächsstoff, das war einfach so.
Und es interessierte mich auch nicht. Sollte ich ihn fragen, wie seine Eltern über ihn denken? Was ich aber immer spürte, war, dass seine Mutter die Verbindungen zu ihm nie abbrach, auch und vielleicht gerade in seinen Notzeiten nicht. Er schrieb mir einmal, dass seine Mutter ihm „sowieso immer“ meine Kunst-Texte zuschickte, wenn sie solche in der „Braunschweiger Zeitung“ entdeckte.

Abb. 4: Titelblattgestaltung Schwanneckes für die Ausgabe des Universitätsführers Münster von 1961

Titelblattgestaltung Schwanneckes für die Ausgabe des Universitätsführers Münster von 1961. © 2013 Nachlass Schwannecke, Foto: Christian Vitt

Günter Schwannecke hatte einen Bruder. Wie hieß er, war er jünger oder älter, lebt er vielleicht noch? Karl-August Holländer beschrieb das Verhältnis der Brüder als schwierig. Was wissen Sie darüber?

Vitt: Auf diese Fragen kann ich noch weniger sagen. Er hat mir gegenüber nie über einen Bruder gesprochen.

Günter Schwannecke hat die Schule vorzeitig geschmissen. Wann und warum? Was machte Günter Schwannecke nach seinem Abgang von der Schule?

Vitt: Er hat eine vollständige Lehre von 3 ½ Jahren als Retuscheur gemacht, das war damals ein Ausbildungsberuf. Und er ist in diesem Beruf dann auch tätig geworden.

1954 begann er eine Ausbildung an der Werkkunstschule Braunschweig und ging dann 1955 an die Akademie der Bildenden Künste nach Stuttgart. Welche Interessenschwerpunkte hatte er? Welcher Kunstrichtung schloss er sich an?

Vitt: Ja, er hat nach der Braunschweiger Werkkunstschule (1954/55) die Kunstakademie in Stuttgart abgeschlossen (1955-58), lebte nach einem längeren Aufenthalt auf Ischia nun wieder in Braunschweig.
Ich traf in diesen Jahren 1958/59/60 nicht allein auf Schwannecke, er war meist mit Künstlerfreunden unterwegs, vor allem mit den etwa gleichaltrigen Jochen Kuschel und Peter Kalkhof, beide hatten gleichfalls die Stuttgarter Akademie besucht, waren dort – wie Günter – Schüler von Manfred Henninger. Auf Kalkhof war Günter schon während des Studiums bei Bruno Müller-Linow an der Braunschweiger Werkkunstschule getroffen. Dazu gesellte sich oft der gelernte Fotograf Wolfgang Bönisch, der auf autodidaktischem Wege zu malen begonnen hatte. Er starb früh.
Günter hatte sich damals von einer vorsichtigen Abstraktion zum Informellen, einem ganz spontanen Malverfahren, auch als Tachismus bezeichnet, bewegt. Empfindungen werden dabei durch eine Art von Farbrausch ohne Wirklichkeitswiedergabe ausgedrückt. Dabei möchte ich nochmals darauf hinweisen, dass er – beim Zeichnen vor allem – weiterhin sein Talent gelten ließ, Menschen ganz realistisch darzustellen, auch bis hin zur Karikatur.
Zu den frühen Abstraktionen in seinen Ölbildern wäre zu sagen, dass sie zunächst noch bewusst komponiert sind, wie zum Beispiel die „Abstrakte Komposition“, auf der wie aus der Vogelperspektive eine blühende Landschaft mit einem See zu erkennen sein könnte. (Abb. 5) Ein anderes Beispiel wäre die hellfarbige „Abstrakte Komposition“ von 1958, auf der sich – ganz aus freier Hand entwickelt – eine Fülle unterschiedlich großer Rundformen wie ein Flickenteppich – ich möchte sagen – unordentlich ordnen, der insgesamt eine klobige Kreuzform im Inneren des Bildgevierts angenommen hat. Dieses Farbgeflecht respektiert oben und unten die Bildbegrenzung, links und rechts scheint es aber aus dem Bild hinauszuwandern. (Abb. 6)

Günter Schwannecke, Abstrakte Komposition, Öl auf Hartfaser, undatiert

Abb. 5: Günter Schwannecke, Ohne Titel, Abstrakte Komposition, Öl auf Hartfaser, 40 x 51 cm, signiert mit G.S., undatiert (1959?). © 2013 Nachlass Schwannecke, Foto: Christian Vitt

Günter Schwannecke, Abstrakte Komposition, Öl/Jute, 1958

Abb. 6: Günter Schwannecke, Ohne Titel, Abstrakte Komposition, Öl/Jute, 61 x 49,5 cm (unten 48,5 cm), signiert mit G.S., 1958. © 2013 Nachlass Schwannecke, Foto: Christian Vitt

Aber schon bald, vielleicht sogar gleichzeitig, drängt sein malerisches Temperament zum absolut informellen, tachistischen Bild. Die Bildabläufe werden nicht mehr geplant, d.h. es gibt kein Komponieren mehr, sie werden vielmehr aus dem Unterbewusstsein abgerufen, die Bilder wachsen in nahezu ungeordneter Wildheit. Schwannecke schloss sich damit einem Malverfahren an, das nach dem 2. Weltkrieg viele Künstler als einzig mögliche Malweise sahen. In einer Welt, in der den Menschen durch den Krieg ihre Menschenwürde genommen worden war, trauten sie gesellschaftlicher Ordnung nicht mehr. Für die Künstler bedeutete dies, im individuellen „Ich“ die einzig verlässliche Größe ihres Handelns zu sehen. Dass dabei zum Teil chaotische Bilder entstanden, war eine eigenartige Parallelität zum Chaos des Lebens und in der Gesellschaft. Bis etwa 1964 hatte sich bei Günter die Wildheit des Bildgeschehens dann aber allmählich gemäßigt. Noch immer malte er informelle Bilder, aber sie strahlten nun eine größere Ruhe aus, eine Art von Gelassenheit. Sie gerieten wieder in die Nähe komponierter Bildwerke. (Abb. 7 und Abb. 8)

Günter Schwannecke, Informelles Reliefbild, Öl/Zement auf Hartfaser, undatiert

Abb. 7: Günter Schwannecke, Ohne Titel, Informelles Reliefbild, Öl/Zement auf Hartfaser, 39 x 62 cm, signiert mit G.S., undatiert (1961?). © 2013 Nachlass Schwannecke, Foto: Christian Vitt

Günter Schwannecke, Informelles Reliefbild, Öl/Zement auf Leinwand, 1964

Abb. 8: Günter Schwannecke, Ohne Titel, Informelles Reliefbild, Öl/Zement auf Leinwand, 46 x 37,5 cm, signiert, 1964. © 2013 Nachlass Schwannecke, Foto: Christian Vitt

1957/58 hielt er sich mehrmals in Paris und Ischia auf. Warum? Wen lernte er dort kennen? Wie entwickelte er sich künstlerisch?

Vitt: Paris und Italien waren früher und damals immer noch ein „Muss“ für junge deutsche Künstler. Italien ist es geblieben, Paris ist möglicherweise von New York abgelöst worden. Schwannecke liebte die französische Moderne, da war Paris der richtige Platz für ihn. Auf Ischia lebten immer einige deutsche Maler – Hans Purrmann, mit dem Günter sich anfreunden konnte, der Berliner Werner Heldt, er starb dort 1954 – keine 50 Jahre alt – in S. Angelo, vielleicht hat Günter sein Grab besucht. Auf Ischia wurde Günters schwere düstere Farbpalette unversehens ganz hell, Licht durchflutete Bilder entstanden, Mittelmeerlicht wirkte nachhaltig (vgl. Abb. 6).

Einige Zeit lebte er dann in Münster. Von wann bis wann? Womit beschäftigte er sich?

Vitt: Nein, er hat nicht in Münster gelebt. Die Verbindung zur münsterschen Studentenzeitung pflegte er von dort aus, wo immer er gerade ansässig war. Aber zu der Ausstellung, die ich für ihn in Münster im März 1960 organisiert hatte, kam er rechtzeitig, um sie aufzubauen. Er brachte Bilder, Zeichnungen, Aquarelle, Radierungen mit, gewiss 50 Arbeiten und baute alles sorgfältig in Münsters exquisitestem Studentenlokal namens „Cavete Münster“ (Hütet Euch vor Münster) auf. Die Cavete, die sich noch heute im Untertitel „Akademische Bieranstalt“ nennt, hatte vorher schon erfolgreich Kunstausstellungen angeboten. Die Eröffnung war am 6. März. Meinem Kalender von 1960 entnehme ich, dass Günter vom 2.3. bis 7.3. in Münster gewesen ist. Anschließend wurde diese Werkschau in Fulda in der Galerie Junge Kunst gezeigt. Darauf muss ich im Verlauf des Gesprächs noch detaillierter zurückkommen.

In den 1950er Jahren (wann genau?) stand er einmal wegen Drogenbesitzes vor Gericht (in Münster? welches Gericht?). Was war vorgefallen?

Vitt: Das war erst in den 1970er Jahren – in Berlin stand er vor Gericht, nicht in Münster. Ich bekam von ihm einen Notruf aus der Untersuchungshaft in Moabit, Datum: 16. August 1975. Da ich mich im Urlaub an der See befand, erreichte mich der Brief erst am 28. August. Zudem hatte sich Günter in der Hausnummer vertan. Günter schrieb, seine Freundin B. und er seien beide erneut angeklagt wegen Eigenverbrauch. Sie seien am 29. Juni wegen derselben Sache zu 10 Monaten (mit 2 Jahren Bewährung) verurteilt worden und sollten innerhalb von drei Monaten entziehen. Er habe sich zu seiner Mutter in Braunschweig zurückgezogen, sei auch im Krankenhaus gewesen, in Berlin sei er „natürlich wieder etwas draufgekommen“, sei aber mit „verschiedenen Medikamenten dabei“, zu entziehen.
Noch vor Ablauf der drei Monats-Frist für den Entzug seien Vollstrecker der Justiz bei ihnen zu einer Hausdurchsuchung erschienen. Sie hätten 1g in einer Tasche von B. gefunden. – Günters Verzweiflung ist an den folgenden Briefpassagen nachzuempfinden: „Ich bin inzwischen völlig clean! Aber ich halte eine weitere Haft nicht aus, sollte ich beim Haftprüfungstermin nicht rauskommen, trete ich in einen Hungerstreik, bis meine Nerven nicht mehr vibrieren! Ich bin froh, dass ich jetzt davon losgekommen bin und habe auch nicht vor, damit wieder anzufangen. Ich möchte noch so viel machen und jetzt 10 Monate oder noch mehr, das wäre zu viel für mich… Lieber Walter, der Haftprüfungstermin ist in ca. zehn Tagen…“.

Sie haben für dieses Verfahren ein Gutachten verfasst. Was stand darin?

Vitt: Ich habe ein Gutachten zum Thema „Malen unter Drogen“ geschrieben – mit Hinweisen auf Künstler aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die damit experimentiert haben, was sich an den Produkten ihrer Kreativität verändert, wenn sie unter dem Einfluss von Drogen malen. Ich schrieb u.a. „Der Maler Günter Schwannecke, dessen Arbeit ich vor allem in ihren Anfängen verfolgt habe, experimentierte Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre mit Problemen tachistischen Malens, d.h. mit einer Malerei aus dem Unbewussten, aus dem Rausch, aus unkontrollierten Bereichen. In diesem Zusammenhang sind Experimente mit Drogen denkbar… Wenn Schwannecke dadurch in eine Drogenabhängigkeit geraten ist, so halte ich eine solche Verstrickung für menschlich tragisch; es wäre aber für die künstlerische und allgemein menschliche Fortentwicklung und Entfaltung einer derart sensiblen Natur wie der Schwanneckes äußerst verhängnisvoll, wenn dem Künstler, der sich – wie er mir versicherte – inzwischen von der Drogenabhängigkeit zu befreien vermochte, eine weitere Bewährung versagt bliebe“.
Günter hatte mich in dem Brief aus der Untersuchungshaft um eine solches Gutachten für den Haftprüfungstermin gebeten und mir vorgeschlagen, über seine Tätigkeit zu schreiben und darüber, dass es für ihn tödlich wäre, wenn er eine Strafe bekäme, die „nicht zur Bewährung ausgesetzt wird“.

Günter Schwannecke soll einen später prominenten Verteidiger gehabt haben – wer war es?

Vitt: Der prominente Anwalt, Otto Schily, später Bundesinnenminister, verteidigte Günters Freundin B. – Günter schrieb mir dazu, Schily könne „nur noch eine Person verteidigen, ich habe einen Bekannten von Schily als Verteidiger“. An dessen Adresse schickte ich mein Gutachten für den Haftprüfungstermin. Vielleicht kam es zu spät. Ich weiß es nicht. Mir wurde niemals der Eingang bestätigt. Nach einem Jahr des Wartens richtete ich am 31.8.1976 einen weiteren Brief an den Anwalt und bat ihn, mich „kurz über die Situation“ meines Freundes zu unterrichten. Wieder ohne Echo. Ich hatte auch nach dem Haftprüfungstermin an Günter geschrieben, der ebenfalls schwieg. Erst zehn Jahre später bekam ich von Günter einen weiteren Brief mit der Schilderung seiner Existenzprobleme.

Mit welchem Urteil endete der Prozess?

Vitt: Ob Günter noch einmal Bewährung bekam oder nicht, darüber haben wir nicht mehr korrespondiert. Ich kenne den Prozessausgang nicht. Danach fragt man einen Freund auch nicht, wenn er nicht von sich aus davon spricht. Das Urteil müssten Sie im Berliner Stadtarchiv finden, denn er starb ja in dieser Stadt, so dass seine amtlichen Unterlagen hier archiviert sein müssten. Unter Hinweis auf Ihre Website müssten Sie doch Einblick bekommen.
1986 – im August – erhielt ich die letzten beiden Briefe Günters. Danach schwieg er. Im ersten (11.8.86) schreibt er, dass er mein zweites Buch über Johannes Theodor Baargeld („bagage de baargeld“) in einer Buchbesprechung in der „Zitty“ entdeckt hat und fügt ein Zitat von Sigmund Freud an, der darin bekennt, vom Surrealismus nichts zu verstehen. Auch das hatte er in der „Zitty“ gefunden. Der zweite Brief (vom 23.8.86) berichtet von seiner bis 1976 anhaltenden Unfähigkeit zur Kunstproduktion und befasst sich nochmals mit Krankheit und Heilung. Kein Wort zum Prozess, zum Urteil. Er schreibt u.a.: „Mein Entschluss, nach Braunschweig zu gehen, war schon richtig; ich bekam da aber noch einen ‚Großstadtentzug’. Jean Cocteau nach einer Entziehungskur: ‚Jetzt, da ich kuriert bin, fühle ich mich leer, arm, mit gebrochenem Herzen und krank’. Das größte Problem ist wieder, den alten miserablen Lebensumständen ausgesetzt zu sein.“
Die zweite Hälfte dieses Briefes widmete er dem Wiederbeginn seiner Existenz als Künstler: er habe wieder mit Zeichnungen und Aquarellen angefangen. In seinen vielen Silberstiftzeichnungen habe er den Portraits der „angeblichen Terroristen“, die auf den Fahndungsplakaten „durch Foto und miesen Druck eine Verbrecherphysiognomie“ bekommen hätten, ein neues Gesicht gegeben (er habe sie zu Menschen recycelt). Er hatte ein kleines, etwas zerknittertes Farbfoto von seinem an einer Wand stehenden Arbeitstisch beigelegt, auf dem einige dieser Portraitzeichnungen (schlecht) zu sehen sind. – Ich dachte bei der Lektüre: Hier hat der Retuscheur dem Maler beigestanden, doch unterdrückte ich diesen Gedanken in meinem Antwortbrief. Ich schrieb: „Dass Du wieder aktiv bist, hat mich besonders gefreut… Ich stelle mir Deinen Neuanfang gewiss nicht einfach vor. Andererseits hast Du immer genug Motorik besessen, etwas zu tun. Diese Eigenschaft ist Dir offenbar erhalten geblieben.“ Ich schickte ihm ein Exemplar des Baargeld-Buches, dessen Existenz er entdeckt hatte, schrieb über meine Familie und über meine alte Mutter, die wir aus Braunschweig in den Kölner Raum geholt hatten. Er mochte sie, ich habe das schon gesagt. Danach brach unsere Korrespondenz endgültig ab.

Günter Schwannecke soll eine Zeitlang verheiratet gewesen sein. Mit wem, wann und wie lange? Aus anderen Quellen hörten wir, seine Frau sei gestorben, stimmt das? Was wissen Sie über diese Ehe?

Vitt: Günter war von 1964 bis 1966 verheiratet. Ich habe die von ihm selbst entworfene Hochzeits-Anzeige aus dem Februar 1964 mit Berliner Adresse aufgehoben. Er hatte seine Frau, die Theaterballett-Tänzerin Renate Regina Heuer, schon in Braunschweig kennen gelernt. Ob sie zum Ballettkorps des Staatstheaters gehörte oder in Braunschweig Stückverträge hatte, weiß ich nicht. Dann wechselte sie 1961 nach Berlin, späterhin nach München. Aus einem Brief Günters vom 9.4.1962 aus München entnehme ich, dass sie hier zusammengezogen waren. Zur Hochzeit 1964 lebten sie schließlich in Berlin. Günter berichtete auch von ihren Tanz-Auftritten in Heidelberg (u.a. in einer Ballett-Einlage in der Johann-Strauß-Operette „Die Fledermaus“, 30. und 31. Dezember 1963) und in Saarbrücken (1965). Zu Heidelberg hatte er einen Zeitungsausschnitt mit Renate Heuer im Mittelpunkt des Bildes beigelegt.
Die Ehe scheiterte früh, Günter hat sehr darunter gelitten und er hat vor allem nicht verstanden, warum sie auf der Trennung bestand. Zum Jahreswechsel 1965/66 schrieb er mir, sie sei vor einigen Monaten aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Sie verstünden sich nicht mehr. Er frage sich, ob es daran gelegen habe, „dass sie das meiste Geld“ verdiente. Eine Woche später greift er in einem weiteren Brief das Thema nochmals auf und fragt mich, ob Renate vielleicht mir erzählt habe, was sie bewogen habe, sich von ihm zu trennen. Für ihn gebe es nur Mutmaßungen. Und dann wörtlich: „Eines Tages darf ich es vielleicht erfahren“. Ich konnte ihm nicht helfen, ich wusste es nicht, hatte sie nicht befragt, hatte das Gefühl, dass mich das nichts angehen darf.
Ihm war wohl nicht bewusst, dass Tänzerinnen, natürlich auch Tänzern, vor allen anderen Theaterkünstlern die größte Lebensdisziplin abverlangt werden muss, um kräftemäßig das, was ihren Körpern auf der Bühne – ich sage mal – „zugemutet“ wird, auch permanent leisten zu können. Diese Disziplin ist anderen Beschäftigungen nicht berufsimmanent. Günter hat diese Disziplin nicht gelebt, musste sie als Maler ja auch nicht leben. Die beiden Lebensrhythmen passten wohl nicht zusammen. Die Ehe dürfte 1966 geschieden worden sein. Er schrieb darüber nichts mehr. Über Renates Tod weiß ich nichts. Ihre Biografie ist auch nicht zu googeln. Ich finde jedenfalls nichts.

Zwischen 1965 und 1975 besteht in der Biografie, die wir mit Hilfe Karl-August Holländers rekonstruiert haben, eine Lücke. Was geschah in diesen Jahren? Was war für Günter Schwannecke in dieser Zeit prägend?

Vitt: In meinem regelmäßigen Briefwechsel mit ihm gibt es nach 1969 zunächst eine Zäsur. Ich sprach schon davon und auch darüber, dass – nach sechs Jahren Pause – noch drei Briefe kamen: im August 1975 ein Brief und nach einer Lücke von zehn Jahren im August 1986 zwei Briefe. Zu allen drei Briefen habe ich im Zusammenhang mit seiner Untersuchungshaft und dem Haftprüfungstermin einiges darlegen können. Sie erklären ja auch viel über die Verschattung seiner Biografie in diesen Jahren – seit 1965.
Lassen Sie mich chronologisch vorgehen. Im Januar 1966 berichtet er von einem nicht näher beschriebenen Senatsauftrag, dotiert mit 1.200 DM, im November schreibt er, der Senatsauftrag sei verschoben wLuiorden. Danach kein Wort mehr darüber. Im April desselben Jahres finde ich den lapidaren Hinweis: „Ich hatte jeden Abend Vorstellung“. Als Statist am Theater? Möglich, denn er war auch schon als Filmstatist aktiv gewesen – in München 1962. „Ich habe öfter mal als Komparse in einer deutsch-amerikanischen Filmproduktion mitgewirkt“, schreibt er am 9.4.1963. „Der deutsche Titel: ‚Die große Flucht’. Der Film behandelt die Flucht einiger amerikanischen Kriegsgefangenen in Deutschland.“ Er wird auch wieder in seinem handwerklichen Beruf tätig – mit freien Aufträgen als Retuscheur. Er kündigt es am 2.1.1966 an und berichtet fast 4 Monate später: „ . . . und dazu habe ich noch Retuschen gemacht (es läuft jetzt an)“. Er gibt 1966 große Bilder in Kommission, in Düsseldorf in die prominente Galerie Niepel. 1962 hatte er auch schon einer Münchner Galerie Bilder in Kommission ausgeliehen. Berichte über Verkaufserfolge durch diese Galerien habe ich nicht von ihm erhalten, im Gegenteil: Ich besuchte die Galerie Niepel im Mai 1969 in Düsseldorf, man sagte dort, man kenne keinen Maler dieses Namens und habe von keinem Berliner Kunsthändlerkollegen Werke von einem Günter Schwannecke übernommen. Ich schrieb ihm das, ohne dass er darauf eingegangen wäre.

Welche Kunstwerke stellte er 1965 im Europa-Center in Berlin aus?

Vitt: Über diese Ausstellung hat er mir nie berichtet, dazu kann ich nichts beitragen.

Um 1965 portraitierte er Pop-Ikonen auf Polyment-Vergoldung. Welche? Wann?

Vitt: Ja, in die Zeit, die Sie biografisch noch „als Lücke“ in Ihrer Website beklagen, fällt auch sein Projekt mit den Ikonen-Werken. Der Erfolg der amerikanischen und englischen Pop-Art-Maler in Deutschland hatte ihn verführt, sich ebenfalls der Pop-Art zuzuwenden. Er begann damit 1966, stellte Pin-up-Girls in der Maltechnik religiöser Ikonen dar. Die Girls stehen zentral im Bild auf vergoldetem oder silbernem Bild-Fond, die Figur handgemalt, manchmal mit Heiligenschein, alles „nach alter Technik, auf Holz, auch auf Leinwand gemalt, danach ‚dezent’ auf ‚Alt’ gemacht“ (Brief-Zitat Schwannecke am 11.9.1966). Schon früher hatte er für Kunstfreunde Kopien Alter Meister angefertigt, um auf diese Weise „zu Geld zu kommen“ (Brief vom 31.1.1962). Er verstand viel von der Technik der Alten. – Ich kenne übrigens diese Ikonen-Malerei nur mit den anonymen Pin-up-Girls, keine mit Portraits von Künstlern aus der Pop- und Rockszene, wie sie von Holländer beschrieben werden. Ich besitze eine dieser Ikonen aus dem Jahre 1969 (Abb. 9).

Günter Schwannecke, Ikone ohne Titel, Figur (Pin-up-Girl), Öl/Silber- und Goldfolie auf Holz, 969

Abb. 9: Günter Schwannecke, Ikone ohne Titel, Figur (Pin-up-Girl) gemalt (gespritzt?), Öl/Silber- und Goldfolie auf Holz. 58 x 37 cm, signiert, 1969). © 2013 Nachlass Schwannecke, Foto: Christian Vitt

Er hatte in die Ikonen-Bilder große Hoffnungen gesetzt – auch und wohl vor allem einen finanziellen Erfolg erwartet. Er sprach von Anfang an von einer „großen Sache“ und schrieb mir am 11.9.1966 aus Berlin: „Testverkäufe sind gut verlaufen. . . Zurzeit arbeite ich auf Hochtouren, um zum 1. Oktober damit groß herauszukommen“. Drei Monate später dann das Eingeständnis, dass die „große Sache“ sich nicht so entfaltet, wie er sich das vorgestellt hatte. Er schreibt: „Unser Ikonen-Geschäft ist nicht so eingeschlagen. Ich hoffe aber, 1967 etwas weiter zu kommen“ (14.1.1967).
Im April 1969 lebte ich gut drei Wochen in Berlin – als Gastredakteur im Sender Freies Berlin. Ein SFB-Redakteur kam im Austausch zum WDR nach Köln und Bonn. Alles im Rahmen eines Programms, das westdeutschen Journalisten die schwierige Lage Berlins im geteilten Deutschland vor Augen führen sollte und Berliner Kollegen das Klima um die damalige Bundeshauptstadt Bonn erleben ließ. Das war auch die Chance, mich wieder einmal mit Günter zu treffen.
Ich begegnete ihm zwei Mal, am 11. April und am 14. April. Er war wie immer. Spontan, hitzig, großzügig, witzig, warmherzig, wollte viel über meine Frau Luiza wissen. Ich habe aber überhaupt nicht in Erinnerung, wo wir uns getroffen haben. Ich hatte mir vorgenommen, jetzt auch einen Weg zu finden, wie er seine Schulden bei mir begleichen konnte. Ich hatte ihm nach der Trennung von seiner Frau Renate Geld geliehen, damit er seine Miete bezahlen konnte und wieder Strom geliefert bekam – es war Winter. Ich habe während meiner Berliner SFB-Wochen 1969 zum Ausgleich für das Günter geliehene Geld drei Bilder erworben, das kleines informelle Bild von 1964, das ich vorhin ein wenig interpretiert habe, es hängt seit über vierzig Jahren an unterschiedlichen Stellen in unserer Kölner Wohnung (Abb.8), dazu ein größeres informelles Bild (das Entstehungsdatum habe ich nicht zur Hand, ich habe es damals einem meiner beiden Brüder verkauft) und drittens eines der Ikonen-Werke, von dem ich auch schon berichtet habe (Abb.9). Es stammte aus dem Jahr unserer Berliner Begegnung, aus dem Jahr 1969, war also damals ganz frisch entstanden und war ein Zeichen, dass er noch künstlerisch aktiv war. Da ich mit dem Wagen nach Berlin gekommen war, konnte ich die Bilder ganz gut transportieren.

Wie und wann wurden Sie erstmals auf Günter Schwannecke als Künstler aufmerksam?

Vitt: Von Anfang an – 1958. Mich interessierte ja zunächst nur der Künstler, ich war auf der Suche nach Kunst und Künstlern. Der Mensch kam Zug um Zug dazu.

Was machte seine Kunst besonders?

Vitt: Ich kann nur sagen, warum sie für mich besonders war. Es war die Zeit, in der Leute meines Jahrgangs die Klassische Moderne, die unter den Nazis als „Entartete Kunst“ verboten war, erstmals sehen konnten, sie wurde u.a. auf der ersten Kasseler „documenta“ 1955 gezeigt, ich war mit meiner ganzen Schulklasse dabei. Und parallel dazu malten die Zeitgenossen ihre informellen, tachistischen Bilder. Und ich hatte nun einen dieser ganz jungen Maler dieses Stils hautnah kennengelernt. Das machte die Begegnung für mich so wichtig.

Welche Techniken wandte er an?

Vitt: Er malte mit Öl, verwendete auch Zement, um Plastizität in die Bildfläche zu bringen, zeichnete mit der Zeichenfeder und mit Kohle, schuf Aquarelle und Radierungen verschiedenen Typs.

In welche Phasen lässt sich Günter Schwanneckes Kunstschaffen einteilen?

Vitt: Meine Kenntnis endet mit seiner Pop-Art-Phase der 1960er Jahre. Was mir als erstes auffiel, wiederhole ich bewusst: er vermochte ganz realistisch zu zeichnen, folgte in seinen Bildern und Radierungen aber der informellen Abstraktion seiner Zeit. Ich habe das schon erläutert. Das eine war seine Begabung als Zeichner, das andere seine Bereitschaft, Kunst nicht ausschließlich als Wiedergabe der Wirklichkeit zu betrachten, sondern als Erfindungen des Künstlers. Sein Talent, realistisch zu zeichnen, nutzte ich, als ich Beiträge von ihm für den „Semesterspiegel“ bestellte, obwohl ich ihn im Zusammenhang mit lyrischen Erstveröffentlichen auch darum bat, hier seine ganze Phantasie auszuspielen, um den Gedichten seine eigenen lyrischen Gefühle zeichnerisch beizugeben.

Wer förderte Günter Schwanneckes Kunst? Wer hatte Einfluss auf seinen Stil?

Vitt: Hatte er Förderer? Es gibt jedenfalls keinen Sammler und keine Sammlerin, der/die Dutzende oder gar Hunderte von Bildern aus seiner Werkstatt erworben hätte. Solche Groß-Sammler von Gegenwartskunst gab es in der frühen Nachkriegzeit in Deutschland nur ganz wenige, das setzte erst nach dem Vorbild des Aachener Sammlers Peter Ludwig und einigen anderen in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre ein.

Welche waren Günter Schwanneckes wichtigste Ausstellungen?

Vitt: Wieder muss ich zurückfragen: Hatte er wichtige Ausstellungen? Von wichtigen Ausstellungen kann man nur sprechen, wenn sie in bedeutenden Galerien oder herausragenden Museen stattfinden. Solche Ausstellungen waren Günter verwehrt. Von den Galerien, die an den deutschen Kunstmärkten – der erste deutsche Kunstmarkt fand 1967 in Köln statt – teilnahmen, hat keine Günter vertreten. Auf die Junge Galerie Fulda werde ich in anderem Zusammenhang zurückkommen wollen.

Anfang der 1980er Jahre war es für Günter Schwannecke schwierig, Ausstellungen zu bekommen, zum Teil aus finanziellen Gründen. Warum war das so schwierig?

Vitt: Nach 1969 hatte ich keinerlei persönlichen Kontakt mehr zu Günter und kenne nichts von den Ereignissen, die Ihnen sein später Freund Karl-August Holländer für Ihre Gedenk-Webseite geschildert hat.

Lassen sich noch Bilder von ihm auffinden?

Vitt: Ja, sein Malerfreund Jochen Kuschel hat wohl einige Ölbilder von ihm (Kuschel ist immer noch künstlerisch tätig, lebt in Berlin und im Sommer auf Rügen). Peter Kalkhof könnt ebenfalls noch Bilder von Günter haben, auch er malt noch, hat es zu einem guten Ruf in der „Konkreten Kunst“ gebracht, lebt seit 1963 in London. Ich selber verfüge insgesamt über fünf Ölbilder, einige Zeichnungen, auch eine größere Zeichnung, das schon erwähnte Portrait meiner späteren Frau (Abb.1). Ich habe es übrigens auf ihre Todesanzeige drucken lassen, als meine Frau am Karnevalsdienstag 2009 in Köln starb, verstand das zugleich als Ehrung für den ermordeten Freund. Ein weiteres Bild von Günter hat einer meiner Brüder (ich sprach schon davon), ein anderes weiß ich in München zu finden, sollte es zu einer Erinnerungsausstellung für Günter kommen.

Beschreiben Sie bitte Ihr Verhältnis zu Günter Schwannecke.

Vitt: Es war vor allem geprägt von meiner Bewunderung für seine Kunst und sein Reden über Kunst. Ich wollte ja kein Maler werden, aber er war mir auch in der Geschichte der Kunst und im Begreifen des Wesens von Kunst um Vieles voraus. All das: der Blick auf die Kunst, das Erkennen von Innovation, das Eindringen in die Geschichte der Kunst, – das gehört doch in gleicher Weise zur Basis der Arbeit des Künstlers wie des Kritikers. Indem ich mich bemühte, ihm Möglichkeiten einzuräumen, sich mit seiner Kunst in der münsterschen Studentenzeitschrift zu präsentieren, hielt ich mir ihn auch als Mensch nahe, denn ich schätzte gleichermaßen den Menschen Günter Schwannecke. Er war mir auch in der Lebenserfahrung voraus (hatte seine Studien abgeschlossen, hatte auf Ischia, in Paris gelebt), allerdings lebte er anders, freier und freizügiger als ich, ich lernte von ihm auch, wie ich nicht leben wollte.
Ein besonderes Zeichen der Nähe zu ihm war ja, dass ich – als Schüler – Bildwerke von ihm erwarb, obwohl ich immer knapp bei Kasse war, wie man so schön sagt. Als eines von 6 Kindern musste ich mein Studium selbst verdienen, und das Anfangsgehalt später im WDR 1963, 1964, 1965 war gerade ausreichend zur Familiengründung. Günter zog mich auch an durch sein Wesen, durch seine Spontaneität, durch seine Risikobereitschaft – im Leben wie beim Bildermalen. Und obwohl Braunschweig nach und nach als Ort unserer Begegnungen ausfiel, hielt der Kontakt noch eine gewisse Zeit, bis er zerbröckelte, wie ich geschildert habe. Und als ich dann von seinem Tod erfuhr, spürte ich durch meine innere Erschütterung, dass eigentlich nichts zerbröckelt war oder – anders gesagt – fügten sich die Brocken wieder virtuell zusammen und mir wurde deutlich, dass alle Gefühle der Nähe zu ihm noch immer da waren, nur jetzt nicht mehr in der Form realer Begegnungen.

Hattet Ihr über all die Jahre gleich gute Kontakte oder gab es verschiedene Phasen?

Vitt: Es ging auf und ab. Ich habe es ja detailliert geschildert.

Welche Ereignisse waren aus Ihrer Sicht prägend für Günter Schwanneckes Leben? Welche Ereignisse trugen zu seiner Politisierung bei?

Vitt: Ich habe seine Politisierung nicht erlebt. In seinen Briefen spielte sie so gut wie keine Rolle – nur ganz am Schluss, als er mir 1986 seinen Neuanfang als Maler schilderte und von den „angeblichen Terroristen auf den Fahndungsplakaten“ sprach, die er wieder zu Menschen recycelt hätte – in dieser Sympathiebekundung für Ulrike Meinhof und Baader und andere wurde mir seine politische Position klar. Übrigens ist ihm da eine Wahnsinnsformulierung gelungen: jemanden wieder zum Menschen recyceln. Ich kannte Ulrike Meinhof vom Studium her, als sie noch nicht radikalisiert war. Sie war in Münster Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Ich bat sie Ende der 1950er Jahre auch einmal, im „Semesterspiegel“ zu schreiben, was sie tat – im Juli 1958 mit einem Beitrag gegen eine atomare Aufrüstung der Bundeswehr. Sie studierte in Münster u.a. evangelische Theologie und argumentierte ganz und gar aus christlichem Denken heraus.

Wie war Günter Schwanneckes politische Einstellung, wo würden Sie ihn im linken Spektrum orten?

Vitt: Da müsste ich mehr wissen über sein Handeln, vor allem jenseits seiner Kunst, um ihn angemessen im linken Spektrum einordnen zu können.

Karl-August Holländer nannte den Deutschen Herbst als bedeutend für Günter Schwanneckes politische und künstlerische Entwicklung. Welchen Stellenwert hatten die Ereignisse rund um die Rote Armee Fraktion (RAF) in den 1970er Jahren für ihn?

Vitt: Auch da muss ich passen. Ich habe sein Handeln nicht begleitet, gesprochen haben wir miteinander über dieses Thema nie, und es gehört nicht zu meinem Wesen, Einschätzungen zu treffen, ohne substantiell informiert zu sein.

Was vermuten Sie, warum Günter Schwannecke sich entschied oder sich entscheiden musste, als Wohnungsloser auf der Straße zu leben?

Vitt: In Ihrer Frage schwingt mit, dass sein Leben auf der Straße eine gewollte politische Aktion gewesen ist, die er auch getroffen hätte, wenn er die finanziellen Mittel gehabt hätte, eine Wohnung zu mieten. Erlassen Sie mir, sein „Warum?“ zu definieren. Ich kann es nicht.

War es für ihn typisch, dass er sich laut protestierend einmischte, als Neonazis auf Migrantinnen und Migranten losgingen?

Vitt: Er hatte Gerechtigkeits-Sinn und er war immer spontan. Das war gewiss typisch für ihn.

Wie haben Sie die Zeit nach der Ermordung Günter Schwanneckes und um den Prozess gegen die beiden Neonazis, die ihn getötet haben, erlebt?

Vitt: Ich habe von Günters gewaltsamem Tod erst anderthalb Jahre nach diesem unerhörten Ereignis erfahren. Ich abonniere in Köln keine Berliner Zeitung. Und selbst wenn er in den Augen der Behörden als Künstler gestorben wäre, wäre das angesichts seiner nicht eben erfolgreichen Maler-Karriere kein überregionales Feuilleton-Ereignis gewesen.
Ich las von seinem Tod erst im Januar 1994 im Eingangsbereich der Münchner Kammerspiele. Es traf mich wie ein Schlag. Meine Frau und ich waren bei einem München-Besuch am Abend des 16. Januar 1994 ins Theater gegangen, um Thomas Bernhards Stück „Der Theatermacher“ zu sehen – mit Lambert Hamel. Im Foyer der Kammerspiele hatten die Theaterleute eine Gedenktafel mit den Namen aller Toten durch den neuen deutschen Rechtsextremismus eingerichtet, darunter befand sich auch Günter Schwanneckes Name. Ich war innerlich so erregt, dass ich das Theaterstück nicht mit der notwendigen Konzentration habe verfolgen können. Günter Schwannecke ermordet! Die umfangreiche Gedenktafel nannte den Tag der Attacke auf Günter und das Datum seines Todes sieben Tage später. Sprach von „2 Skinheads, einer davon beim Ku-Klux-Klan“. Mein einziger Trost war es, dass ich seinen Tod auf einer Gedenktafel in einem berühmten Theater fand, in kulturellem Zusammenhang also. Und dass ich ihn in München fand, wohin er seiner Frau gefolgt war, ehe beide nach Berlin gingen und dort heirateten.
Ich bereitete damals die Herausgabe einer Buch-Publikation mit meinen Träumen über Kunst und Künstler vor. In meinem Tagebuch machte ich am 16.1.94 die Eintragung: „Ich werde Schwannecke in meinem Träume-Buch ein kleines Denkmal setzen“. Das tat ich dann auch. Noch im selben Jahr erschien das Buch „Künstler-Träume. Nächtliche Begegnungen“. Es enthält aus einem Zeitraum von 12 Jahren einige hundert Träume über circa 140 Künstler. Ich habe immer über Kunst und Künstler geträumt, habe meinen Beruf als Kunstkritiker sozusagen nächtens fortgesetzt. Von Günter träumte ich in diesen Jahren drei Mal, sie sind sämtlich in dem Band protokolliert, dazu setzte ich eine seiner wunderbaren informellen Zinkätzungen von 1959 und eine ausführliche Biografie des Malers.
Nach unserer Rückkehr von der Theaterfahrt nach München bemühte ich mich, mehr über Günters Tod zu erfahren, stieß im Berliner Ullstein-Textarchiv auf die Berichterstattung über den Prozess gegen die Attentäter.

Günter Schwannecke wurde in den Presseberichten über seinen Tod nicht als Kunstmaler, sondern als Wohnungsloser bezeichnet. Von der Bundesregierung und dem Berliner Senat wird er nicht mehr als Opfer rechter Gewalt anerkannt. Auch in der sogenannten Jansen-Liste des Tagesspiegels, die Opfer rechter Gewalt seit 1990 aufzählt, wird er nur noch als Wohnungsloser bezeichnet. Was denken Sie, wie und warum er in Vergessenheit geriet?

Vitt: Es ist ohnehin eigenartig, im Tode einen Wohnungslosen nicht mit seinem Beruf zu benennen. Er war ausgebildeter Retuscheur und ausgebildeter Kunst-Maler. Man nennt ja einen Toten, der eine Wohnung hatte, auch nicht einen Wohnungsinhaber, sondern bei seinem Beruf. Dass ihn die Berliner Lokalpresse als Obdachlosen bezeichnet hat, liegt daran, dass ein nicht sehr erfolgreicher Künstler in keinem Kunst-Archiv und in keinem Künstler-Lexikon zu finden ist. Es gehört aber doch wohl zur Beachtung der Würde eines jeden Menschen, dass die Medien auch im Fall des gewaltsamen Todes von Günter Schwannecke nach Wegen hätten suchen müssen, mehr über ihn und seine Persönlichkeit zu erfahren. Recherchieren gehört zum „Grundauftrag“ von Journalistinnen und Journalisten.
Warum er amtlich nicht mehr als Opfer rechter Gewalt eingestuft wird, entzieht sich meiner Einsicht. Da müsste es doch eine plausible Begründung geben. Sie von der Gedenkinitiative sollten überlegen, wie man das anfechten kann.

Gerd Winner, Das Martyrium des Schwannecke, Ölstift auf Karton, 2013

Abb. 10: Gerd Winner, Das Martyrium des Schwannecke, Ölstift auf Karton, 30,5 x 25 cm, signiert, 2013. © 2013 Gerd Winner, Foto: Christian Vitt

Ja – und Ihre Frage: Warum geriet Günter in Vergessenheit? War er je im Bewusstsein der Öffentlichkeit? Vielleicht in seinen hoffnungsvollen Anfängen und vor allem in seiner Geburtsstadt Braunschweig, dort hatten Anfang der 1960er Jahre die Braunschweiger Nachrichten und die Braunschweiger Zeitung über ihn berichtet. Auch junge Braunschweiger Künstler-Kollegen sahen die Qualität seines Könnens, schätzten ihn, einer davon war der Maler Gerd Winner, der in Braunschweig als junger Mann lebte, in Berlin Kunst studiert hatte und später als Kunstprofessor in München wirkte. Mit ihm habe ich in diesen Monaten mehrfach lange über Günter gesprochen. Er hat mir eine „Hommage à Schwannecke“ für Eure Webseite mitgegeben. (Abb. 10)
Auch in Münster und Fulda gab es damals für Günter Schwannecke Artikel. Aber in Berlin? Freunde und Sammler, die seine Kunst schätzen gelernt hatten, ja, die gab es, aber sie sind nicht die Kunst-Öffentlichkeit, sie sind ein ganz kleiner Teil davon. Viele Künstler sind erst postum entdeckt worden – der große Van Gogh zum Beispiel oder der Kölner Dadaist und Max-Ernst-Freund mit dem schönen Namen Johannes Theodor Baargeld.

Wann sahen Sie Günter Schwannecke zum letzten Mal? Können Sie sich an diese Begegnung erinnern?

Vitt: Unsere zwei Begegnungen im April 1969 in Berlin haben uns zuletzt zusammengeführt. Natürlich kann ich mich daran erinnern. Aber das war alles so „geschäftlich“, so sachlich, so ohne die alten Emotionen. Ich erwarb die genannten drei Bilder. Sie wurden verpackt, ins Auto getragen. Und er erhielt nicht einmal Geld dafür, weil er es schon viele Jahre vorher bekommen hatte. Da erinnere ich mich lieber an den 7. März 1960, als er zusammen mit mir seine Ausstellung in Münster abbaute. Wir sprachen über sein nächstes Ausstellungsprojekt in Fulda, ich sollte das Katalogvorwort dazu schreiben und habe es auch getan. (Abb. 11)

Titelblatt des Fuldaer Katalogs „Günter Schwannecke, Braunschweig“ von 1960 mit einer Zinkätzung des Malers aus dem Jahre 1959

Abb. 11: Titelblatt des Fuldaer Katalogs „Günter Schwannecke, Braunschweig“ von 1960 mit einer Zinkätzung des Malers aus dem Jahre 1959. © 2013 Nachlass Schwannecke, Foto: Christian Vitt

Die „galerie junge kunst fulda“, gegründet 1958, war damals für anderthalb Jahrzehnte ein wichtiges Sprungbrett für den Künstler-Nachwuchs. Es war sozusagen die Stammgalerie der Fuldaer Künstler, die sich im „Jungen Kunstkreis“ zusammengeschlossen hatten. Aber man schaute auch über den hessischen Tellerrand. Günters Ausstellung dort fand vom 9. bis zum 27. April 1960 noch am ersten Standort der Galerie in der Fuldaer Kanalstraße statt – als Übernahme der Schau aus Münster. Ein zweites Mal nahm Schwannecke in dieser Fuldaer Galerie im Juni 1962 an einer Gruppenausstellung teil, diesmal in neuen Räumen in der früheren Winfriedschule. Gezeigt wurde die „Sammlung Junge Kunst aus dem Eigenbesitz der Galerie“.
Welche Rolle die „galerie junge kunst fulda“ damals spielte, zeigt sich daran, dass auch der junge Gerhard Richter, zwei Jahre älter als Günter, heute der bekannteste und teuerste zeitgenössische deutsche Maler, in den frühen 1960er Jahren dort ausgestellt und mit seinen Bildern einen kleinen Skandal bewirkt hat (Fuldaer Zeitung: An die Grenzen der Malerei). Richter erwähnt diese Ausstellung vom September 1962, zusammen mit seinem Freund Manfred Kuttner, in seiner Biografie aber nicht mehr, weil er seine gesamte Produktion aus diesen Jahren nicht mehr akzeptiert und vernichtet haben soll. Eine Dokumentation von 1996 über das Wirken und die Ausstellungen der Galerie (Herausgeber Pedro Herzig, Textredaktion: Helmut Kopetzky) bildet drei dieser Werke Richters ab und macht in der kompletten Ausstellungsliste von 15 Jahren deutlich, welche später sehr bekannt gewordenen deutschen Künstler dort früh gezeigt worden sind: natürlich Franz Erhard Walther als Einheimischer, dann Bernd Koberling und Reiner Ruthenbeck, Karl Horst Hödicke und Jörg Immendorf und auch Hans Haacke.
Nach Günters Weggang aus Braunschweig in Richtung München und dann nach Berlin und meiner seit 1963 festen Bindung an Köln und den WDR sind wir uns nur noch drei Mal persönlich begegnet: am 25.11.1961 in Braunschweig, am 8.8.1962 in Münster, und dann kamen die beiden Berliner Treffen von 1969, also genau genommen, waren es vier Begegnungen. Im April 1966 hatten wir uns schon einmal in Berlin verabredet, doch verpassten wir uns am vereinbarten Treffpunkt, ohne dass ich jetzt erklären könnte, wer von beiden den Fehler gemacht hat.

Wie wirkt es auf Sie, dass der Ort seiner Ermordung nach Günter Schwannecke benannt worden ist und ein Gedenkstein aufgestellt wurde?

Vitt: Ich war wie elektrisiert, als ich Ihre Webseite für Günter entdeckte und las, dass dieser Gedenkstein in Charlottenburg Wirklichkeit werden soll. Zu seinem 21. Todestag ist er nun da – Dank Eurer Initiative. Ich werde bei meinem nächsten Berlin-Besuch dorthin gehen. Ich begreife das Gelände als seinen Friedhof. Hier wurde er tödlich verletzt. Hier lebt mit den Kindern junges, neues Leben. Ich las in Ihrer Website viel über Günter, was ich nicht wusste, vermisste aber auch Vieles aus seinem Leben, was ich über ihn berichten kann. Und ich nahm sofort Kontakt zu Ihnen auf und berichtete.

Vielen Dank für Ihre Antworten, Walter Vitt!

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.