Neues Deutschland: Initiative erinnert an Nazi-Opfer

Gegen das Vergessen kämpfen möchte die Günter-Schwannecke-Gedenkinitiative, die im Juli dieses Jahres gegründet wurde. Nur ein Foto ist von Günter Schwannecke geblieben, das ihn in einem Café zeigt. Im Hintergrund sind Bilder ausgestellt, die er gemalt hat. Wenig weiß man über ihn, nicht einmal sein Geburtsdatum ist bekannt – sein Todestag schon. Am 5. September 1992 verstarb er nach einem Naziangriff.
erschienen im Neuen Deutschland am 15. August 2012

In einer Zeitungschronik seien sie auf den Fall Schwannecke gestoßen, sagt einer der Gründer Leo Lölhöffel. Da er selbst Charlottenburger ist, hat ihn der Fall interessiert. Die Tat war in Vergessenheit geraten und tauchte auch seit Jahren nicht mehr in offiziellen Statistiken von Opfern rechter Gewalt auf. Innensenator Frank Henkel (CDU) verweist darauf, dass das Gericht offiziell kein politisches Motiv bei der Tat erkannt habe. Lölhöffel sieht es anders.
Denn am 29. August 1992 saß der damals wohnungslose Schwannecke mit seinem Freund Hagen Knuth auf der Bank eines Spielplatzes der Pestalozzi-, Ecke Fritschestraße in Charlottenburg. Hinzu kamen die Neonazis Norman [Z.] und Hendrik [J.] und fingen an, die ebenfalls auf dem Spielplatz anwesenden Menschen mit Migrationshintergrund rassistisch zu beschimpfen. Schwannecke und Knuth mischten sich ein, zeigten Zivilcourage – und wurden mit einem Aluminiumbaseballschläger geschlagen. Knuth konnte gerettet werden, Schwannecke starb.
»Die Geschichte muss aufgearbeitet werden«, sagt Lölhöffel. Auffällig war, dass die Medien damals das Opfer außer Acht gelassen haben. Das, was in den Zeitungen über die Tat erschien, war vorwiegend täterfokussierte Prozessberichterstattung. Da Schwannecke zu dem Zeitpunkt wohnungslos war, hätten die Medien vermutlich gar nicht weiter recherchiert, kritisiert Lölhöffel. Dies soll jetzt geändert werden.
Mittlerweile ist die Biografie von Schwannecke rekonstruiert. Nach Gesprächen mit Schwanneckes engem Freund Kurt-August Holländer wurde sie am Montag auf dem Blog der Initiative veröffentlicht. Durch den bewegenden Artikel gewinnt die Öffentlichkeit zum ersten Mal einen Eindruck vom Menschen Günter Schwannecke.
Schwannecke war ein in Berlin bekannter Künstler. Anfang der 50er Jahre erhielt er ein Sonderbegabtenstipendium für ein Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Daraufhin hatte er prominente Unternehmen als Arbeitgeber, wie Triumph-Miederwaren oder Volkswagen. Doch erfüllt hat ihn das nicht – er blieb der Kunstmalerei immer treu. Er hatte während seines Lebens zahlreiche Ausstellungen, u.a. im Europa-Center, und verkaufte seine Werke. Die politische Gesinnung Schwanneckes wurde bis jetzt nicht beachtet. Er war bekennender Antifaschist, wollte ein alternatives Leben führen und war in der Hausbesetzerszene aktiv. Anfang der 90er Jahre zog er auf die Straße, um den Wunsch nach vollkommener Freiheit zu verwirklichen.
Die Gedenkinitiative will sich mit der Biografie jedoch nicht begnügen. Sie will eine Gedenktafel anbringen, den Spielplatz nach Schwannecke benennen lassen und sich dafür einsetzen, dass er als Opfer rechter Gewalt anerkannt wird. Außerdem will sie seine Bilder suchen. »Schwannecke hat sein ganzes Leben lang gemalt«, sagt Lölhöffel. »Viele Kunstwerke müssen erhalten sein.«

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